Do

09

Apr

2009

150 Schüler für den Notfall gerüstet

Mullbinden und Wärmedecken statt Mathe und Deutsch

 

Etwas anderer Unterricht: Die sechs 6. Klassen am Emil-von-Behring-Gymnasium tauschen einen Vormittag lang ihre Lehrer gegen einen Notfalltrainer aus und besprechen den Ernstfall.

„Wie setzt man einen Notfall ab?“ Mit dieser Frage startet Sanitäter Lars-Peter Lorenzen sein Notfalltrainin, heute in der 6f. Um ihn herum sitzen 22 gespannte 12-jährige; einige davon reißen sofort die Arme hoch. „Da muss man sich an die 5 Ws halten“, weiß Maurice Cygon, Mitglied bei der Jugend-Feuerwehr. „Wo?; Was?; Wieviele Verletzte? Welche Verletzungen“, erläutert er. Und man müsse warten, ob noch Rückfragen kämen.

Einen Vormittag lang, statt Mathe, deutsch und Englisch, lernen die Sechstklässler, was man bei Notfällen tun kann. Sie begreifen schnell, dass es auf jeden ankommt – und dass auch sie schon einen Menge Hilfe anbieten können. Über Handy und Notrufsäule kann jeder kostenlos unter 112 anrufen. „Unterlassene Hilfeleistung ist sogar strafbar“, weiß Jan-Niklas. Dass es auch strafbar und enorm kostspielig ist, sich einen Scherz mit einem Notruf zu erlauben, wissen nicht alle. „Ein Helikopter kostet 100 Euro pro Minute“, begründet der Trainingsleiter. Außerdem könnte ein fälschlich losgeschickter Krankenwagen ja im Ernstfall nicht helfen. Die Kinder lernen auch, dass es für besonders schwere Menschen einen speziellen Krankenwagen gibt – ebenso einen für den Abtransport einer größeren Gruppe Verletzter. Ein paar Legenden werden auch gleich mit ausgeräumt: zum Beispiel die, dass man bei der Herz-Rhythmus-Massage einem Verletzten Rippen brechen und ins Herz stechen könnte. Oder dass bei der Notfalldecke die goldnene Seite kühlt. „Sie wärmt immer von beiden Seiten“, erfährt Marie, die sich einwickeln lässt und gleich schwitzt.

„Wenn man zu einem Verunglückten kommt, muss man die Regel BAK befolgen“, lässt sich wieder Maurice hören. „Bewusstsein, Atmung und Kreislauf müssen überprüft werden“, nickt Jan-Peter. Damit der Vormittag dynamisch und spannend bleibt, flicht der Mann vom Hamburger Notfalltraining Spielfrequenzen ein.

Es müssen ja auch nicht gleich Katastrophen wie Großbrände oder schwere Autounfälle sein, in die die Kinder geraten. Kleine Unfälle im Alltag passieren oft. Malina berichtet von einem Nachbarjungen, der eine Ameise anzünden wollte und sich dabei selbst verletzte. Da wäre es gut gewesen, wenn ich genau gewusst hätte, was zu tun ist“, sagt das blonde Mädchen. Timo erzählt von einer Bekannten, die in eine Glasscheibe gefallen war. Und dann fallen anderen die vielen kleinen Notfälle im Schulalltag, besonders in den Pausen, ein: Schnitt- und Schürfwunden, Beulen, Gehirnerschütterungen, Verstauchungen und sogar Knochenbrüche, Ohnmachtsanfälle…

Am Ende des Vormittags fühlen sich alle zufrieden. Sie haben dass sichere Gefühl, dass sie jetzt im Notfall Erste Hilfe leisten könnten – und dass sie Klassenkameraden haben, die dasselbe für sie tun könnten. „Jetzt müssen wir nicht erst hektisch nach einem Lehrer rufen, sondern können die ersten Schritte selber tun“, freut sich Natalie. „Und auch zu Hause könnten wir jetzt effektiver helfen, wenn da was passiert“, ergänzt Lena. Der etwas andere Unterricht hat sich also gelohnt. Lars-Peter Lorenzen freut´s – und er hofft, dass auch andere Schulen dem Beispiel der Orientierungsstufenleiterin Brigitta Carstensen folgen und flächendeckend Kurse unter www.hhnt.de buchen.

 

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